Braucht ein Hund beim BARFen Getreide oder Kohlenhydrate?
Zuletzt aktualisiert: · barfheld-Redaktion
In kaum einer Frage stehen sich zwei Lager so unversöhnlich gegenüber. Auf der einen Seite: „Der Hund stammt vom Wolf ab, Getreide ist Füllstoff.“ Auf der anderen: „Ohne Kohlenhydrate fehlt dem Hund Energie.“ Beide Sätze klingen einleuchtend, und beide sind in dieser Form falsch. Wir haben nachgeschaut, was in den maßgeblichen Bedarfswerken wirklich steht — und sind dabei auf eine Antwort gestoßen, die unbequemer ist als beide Lager: Es gibt keinen Bedarf, aber auch keinen Grund zur Panik. Nur eine einzige, gut belegte Ausnahme.
Was die Bedarfswerke sagen — und was sie nicht sagen
Der sauberste Weg durch diese Debatte führt nicht über Meinungen, sondern über die Tabellen, nach denen Alleinfuttermittel in Europa und den USA bewertet werden. Dort ist für jeden essenziellen Nährstoff ein Mindestwert hinterlegt: für Protein, für einzelne Aminosäuren, für Calcium, für jedes Vitamin. Für Kohlenhydrate steht dort — nichts.
Die FEDIAF-Angabe haben wir im Volltext der Richtlinien von Oktober 2021 selbst nachgeprüft: Das Wort carbohydrate kommt auf 98 Seiten genau sechs Mal vor — und an keiner einzigen Stelle als Bedarfsposition. Die Angaben zu NRC und AAFCO stammen aus der zitierenden Fachliteratur, nicht aus unserer eigenen Volltextprüfung.
Der Grund dafür ist Stoffwechselphysiologie. Der Hund braucht Glukose — Gehirn und rote Blutkörperchen kommen ohne sie nicht aus. Er braucht sie nur nicht aus dem Napf. Über die Gluconeogenese baut die Leber Glukose aus Aminosäuren und aus dem Glycerinanteil des Fettes auf. Deshalb steht in der Fachliteratur der oft zitierte, aber selten vollständig wiedergegebene Satz: Der Hund hat keinen diätetischen Bedarf an Kohlenhydraten, wohl aber einen metabolischen Bedarf an Glukose.
Warum das Wolfs-Argument nicht trägt
Das stärkste Argument der Getreidegegner lautet: Der Hund ist im Inneren ein Wolf, und ein Wolf frisst kein Korn. Der erste Teil stimmt weniger, als es klingt — und ausgerechnet an dieser Stelle ist die Genetik ungewöhnlich eindeutig.
Eine 2013 in Nature veröffentlichte Arbeit von Axelsson und Kollegen verglich die Genome von Hunden und Wölfen und fand genau dort Spuren von Selektion, wo man sie am wenigsten vermuten würde: an den Genen der Stärkeverdauung. Betroffen waren die Bauchspeicheldrüsen-Amylase AMY2B, die Maltase-Glucoamylase MGAM und der Zuckertransporter SGLT1 — die komplette Kette vom Aufspalten der Stärke bis zur Aufnahme des Zuckers durch die Darmwand. Bei AMY2B war der Unterschied am deutlichsten: Hunde tragen im Schnitt rund sieben Mal so viele Kopien dieses Gens wie Wölfe. Und diese Kopien sind nicht nur vorhanden, sie wirken auch: Eine Folgearbeit von Arendt und Kollegen (2014) zeigte, dass die messbare Amylase-Aktivität im Blut mit der Kopienzahl steigt.
Kopienzahlen nach Axelsson u. a. (2013) sowie Ollivier u. a. (2016). Die Deutung ist gut abgesichert: Die Anpassung an stärkereiche Nahrung fällt zeitlich mit der Ausbreitung des Ackerbaus zusammen.
Die eine Ausnahme, die wirklich belegt ist: Zucht
Wenn dieser Artikel nur einen einzigen Satz hinterlassen soll, dann diesen: Bei der trächtigen und säugenden Hündin ist die Sache anders — und zwar nicht als Meinung, sondern als ausdrückliche Randbedingung in den FEDIAF-Richtlinien selbst.
In der Fußnote zum Proteinbedarf in der Reproduktion steht sinngemäß: Die Proteinempfehlung setzt voraus, dass die Ration etwas Kohlenhydrat enthält — um das Risiko einer Unterzuckerung der Hündin und der Welpensterblichkeit zu senken. Fehlt Kohlenhydrat oder liegt es sehr niedrig, sei der Proteinbedarf deutlich höher und könne sich verdoppeln. Als Belege nennt FEDIAF die Arbeiten von Kienzle (1985, 1989) und Romsos (1981).
Das ist praktisch hochrelevant, weil es die Empfehlung nicht einfach umdreht: Eine kohlenhydratfreie Zuchtration ist damit nicht automatisch verboten — aber sie muss deutlich eiweißreicher sein als die Standardempfehlung, und wer das nicht rechnet, füttert unbemerkt zu knapp. Genau deshalb gehört eine Zuchthündin in der Rohfütterung in fachkundige Begleitung und nicht an eine Faustregel.
Der Vollständigkeit halber: Im März 2026 erschien in Frontiers in Veterinary Science eine Fallserie zu sieben Hündinnen, die mit Rohrationen von 0 bis 6 Prozent der Energie aus Kohlenhydraten trächtig waren und säugten. Von 41 Welpen kamen zwei tot zur Welt, zwei Feten waren mumifiziert — alle lebend geborenen Welpen überlebten, und bei den Hündinnen wurde weder Unterzuckerung noch Ketose dokumentiert. Das klingt beruhigend, taugt aber ausdrücklich nicht als Entwarnung: Die Autoren schreiben selbst, die Tiere seien nicht engmaschig überwacht worden, weil es sich nicht um eine klinische Studie handelte, und die Beurteilung der Nährstoffdeckung sei begrenzt gewesen. Sieben Hündinnen sind eine Beobachtung, kein Beleg. Wir führen die Arbeit hier auf, weil sie existiert — nicht, weil sie die FEDIAF-Fußnote aufwiegt.
Wann Kohlenhydrate im BARF-Napf trotzdem sinnvoll sind
Jenseits der Zucht gibt es drei Lagen, in denen ein gegarter Kohlenhydratanteil eine echte Aufgabe erfüllt — keine davon ist ein Muss, alle drei sind praktisch:
- Sehr hoher Energiebedarf. Bei Arbeits-, Sport- und Zughunden oder bei säugenden Hündinnen wird die Ration irgendwann schlicht zu voluminös. Kohlenhydrate bringen Energie in den Napf, ohne dass das Fett immer weiter steigen muss.
- Hunde, die nicht zunehmen. Wenn ein Hund trotz voller Ration schlank bleibt, ist zusätzliche Energie oft der einfachere Weg als eine immer größere Fleischmenge — vorausgesetzt, die Tierarztpraxis hat organische Ursachen ausgeschlossen.
- Der Preis. Kohlenhydrate sind die mit Abstand günstigste Energiequelle. Wer wegen der BARF-Kosten mit dem Gedanken spielt, an der Fleischqualität zu sparen, fährt mit einem kleinen gegarten Kohlenhydratanteil fast immer besser.
Dazu kommt ein Argument, das in der Fachliteratur regelmäßig auftaucht und in der BARF-Debatte fast nie: Eiweiß als Energieträger zu verbrennen ist ineffizient. Der dabei anfallende Stickstoff muss über die Nieren wieder ausgeschieden werden, und das Eiweiß fehlt anschließend dort, wo es eigentlich hingehört — im Aufbau von Gewebe, in der Wundheilung, in der Immunabwehr. Kohlenhydrate übernehmen an dieser Stelle die Energieversorgung und geben das Eiweiß für seine eigentliche Aufgabe frei. Für den durchschnittlichen Hund mit reichlich Fleisch im Napf ist das folgenlos. Für einen Hund am Rand seines Bedarfs ist es ein Argument.
Wenn Kohlenhydrate, dann gegart — nicht roh
Hier weicht das Barfen bewusst vom Rohprinzip ab, und das hat einen handfesten Grund. Rohe Stärke liegt in dichten Körnern vor, an die die Verdauungsenzyme schlecht herankommen. Erst beim Erhitzen mit Wasser quellen diese Körner auf und verkleistern — Gelatinierung heißt das —, und genau dieser Schritt macht die Stärke gut verdaulich. Roh bleibt ein größerer Anteil als sogenannte resistente Stärke unverdaut und wandert in den Dickdarm, wo er vergoren wird. Bei Knollen und Hülsenfrüchten kommt hinzu, dass Hitze antinutritive Inhaltsstoffe unschädlich macht.
Ehrlich gesagt ist die Quellenlage nicht bei allem gleich klar: Wie stark der Unterschied bei rohem Getreide ausfällt, wird in den Übersichtsarbeiten unterschiedlich dargestellt — manche halten Getreidestärke auch roh für gut verdaulich, andere für deutlich schlechter. Wir beziffern das deshalb nicht. An der Praxisempfehlung ändert es nichts: Garen ist der Weg, bei dem beide Lesarten funktionieren.
- Weich kochen, nicht bissfest. Bei Reis, Haferflocken, Hirse, Kartoffel oder Süßkartoffel gilt: lieber ein paar Minuten länger. „Al dente“ ist eine menschliche Kategorie.
- Rohe, grüne oder keimende Kartoffeln sind tabu — sie enthalten Solanin. Gekochte Kartoffel ohne grüne Stellen ist dagegen unproblematisch. Was sonst noch nicht in den Napf gehört, steht in Gemüse & Obst beim BARF.
- Klein anfangen und beobachten. Der aussagekräftigste Test läuft nicht im Labor, sondern in der Kotbeutelhand: Breiiger Kot, Blähungen oder unverdaute Reste heißen schlicht, dass es zu viel oder zu wenig gegart war.
- Getreidefrei ist nicht kohlenhydratarm. Diese Verwechslung ist der wohl verbreitetste Irrtum im ganzen Thema — dazu gleich mehr.
Und was ist mit „getreidefrei“ und der Herzmuskelerkrankung?
Wer sich mit dem Thema beschäftigt, stolpert früher oder später über die Abkürzung DCM — dilatative Kardiomyopathie, eine Erkrankung des Herzmuskels. 2018 begann die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA, Berichte darüber zu untersuchen. Auffällig war, dass viele der betroffenen Hunde Futter bekamen, das als „getreidefrei“ vermarktet wurde und stattdessen einen hohen Anteil an Erbsen, Linsen, anderen Hülsenfruchtsamen und Kartoffeln enthielt.
Im Dezember 2022 stellte die FDA ihre öffentlichen Aktualisierungen ein: Aus den Meldedaten allein ließ sich keine ursächliche Verbindung ableiten, und weitere Updates kündigte die Behörde erst für den Fall bedeutsamer neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse an.
Für die Praxis bleibt daraus vor allem eine nüchterne Erkenntnis: „Getreidefrei“ ist ein Marketingbegriff, kein Nährwert. Ein Futter ohne Korn, das stattdessen auf Kartoffeln und Hülsenfrüchte setzt, kann ähnlich viel Stärke enthalten wie eines mit Reis. Wer Kohlenhydrate wirklich niedrig halten will, muss auf den Anteil schauen — nicht auf das Wort auf der Packung. Genau an dieser Stelle hat die selbst zusammengestellte Ration ihren größten Vorteil: Du weißt, was drin ist, weil du es hineingelegt hast.
Was das für deine Ration heißt
- Gesunder erwachsener Hund, normale Aktivität: Kohlenhydrate sind optional. Die klassische Aufteilung aus tierischem und pflanzlichem Anteil deckt den Bedarf; ein Korn ist nicht nötig. Kein Grund, etwas zu ändern.
- Hoher Energiebedarf oder Untergewicht: ein gegarter Kohlenhydratanteil als zusätzliche Energiequelle — ergänzend, nicht auf Kosten von Fleisch, Knochen und Innereien.
- Trächtige oder säugende Hündin: nicht selbst entscheiden. Hier ist entweder etwas Kohlenhydrat vorgesehen oder eine deutlich eiweißreichere Ration — und beides gehört gerechnet, nicht geschätzt. Tierärztliche oder ernährungsfachliche Begleitung.
- Welpen: eigene Regeln, vor allem beim Calcium-Phosphor-Verhältnis. Was dort zählt, steht in BARF für Welpen.
- Bei Verdauungsproblemen nach der Umstellung: erst die Menge und den Gargrad prüfen, bevor die Zutat verdächtigt wird. Die häufigsten Ursachen stehen in der BARF-Umstellung.
Bevor du überlegst, ob Reis in den Napf soll, lohnt der Blick auf das, was schon drin ist. Der BARF-Rechner zeigt dir aus Gewicht, Alter und Aktivität die Tagesmenge und ihre Aufteilung in Muskelfleisch, Pansen, Innereien, Knochen, Gemüse und Obst — bewusst ohne Kohlenhydratanteil, weil er für den gesunden erwachsenen Hund nicht nötig ist. Ohne Anmeldung, deine Daten bleiben im Browser.
→ Zum kostenlosen BARF-RechnerHäufige Fragen zu Getreide und Kohlenhydraten beim BARF
Braucht ein Hund beim Barfen Getreide?
Nein. Weder die europaeischen FEDIAF-Richtlinien noch der National Research Council definieren einen Mindestbedarf an Kohlenhydraten fuer den Hund — und schon gar nicht an Getreide. Getreide ist eine Kohlenhydratquelle, kein Naehrstoff. Der Hund deckt seinen Glukosebedarf notfalls vollstaendig aus Eiweiss und Fett, ueber die sogenannte Gluconeogenese. Eine klassische BARF-Ration ohne jedes Korn ist deshalb kein Mangel, sondern der Normalfall. Das gilt fuer den ausgewachsenen, gesunden Hund; fuer traechtige und saeugende Huendinnen gilt ausdruecklich etwas anderes.
Sind Kohlenhydrate fuer Hunde schaedlich?
Dafuer gibt es keinen Beleg — und das ist die andere Haelfte der Wahrheit, die in der BARF-Szene oft untergeht. Kein Bedarf heisst nicht schaedlich. Hunde sind waehrend der Domestikation nachweislich an staerkereiche Nahrung angepasst worden: Sie tragen im Mittel rund sieben Mal so viele Kopien des Amylase-Gens AMY2B wie Woelfe, und die Amylase-Aktivitaet steigt messbar mit der Kopienzahl. Ein Hund, der gekochten Reis oder gekochte Kartoffel bekommt, frisst also nichts Artfremdes. Wer Kohlenhydrate meidet, tut das aus Ueberzeugung, nicht wegen einer belegten Gefahr.
Muss ich meiner BARF-Ration Reis oder Kartoffeln beimischen?
Fuer den normalen erwachsenen Hund: nein, notwendig ist das nicht. Sinnvoll sein kann es trotzdem in drei Lagen — bei sehr hohem Energiebedarf (Arbeits-, Sport- oder Zuchthunde), bei Hunden, die trotz voller Ration nicht zunehmen, und wenn die Ration sonst zu teuer wird. Kohlenhydrate liefern Energie, ohne dass der Koerper Eiweiss dafuer verbrennen und den Stickstoff wieder ausscheiden muss. Wichtig ist nur: Kohlenhydrate kommen dann ON TOP als Energiequelle beziehungsweise ersetzen einen Teil des Fettes — sie duerfen nicht den tierischen Anteil verdraengen, aus dem der Hund seine Aminosaeuren, sein Calcium und seine Spurenelemente bezieht.
Gilt das auch fuer traechtige und saeugende Huendinnen?
Nein, und das ist die eine wirklich gut belegte Ausnahme. Die FEDIAF-Richtlinien halten in einer Fussnote zum Proteinbedarf in der Reproduktion ausdruecklich fest, dass ihre Empfehlung voraussetzt, dass die Ration etwas Kohlenhydrat enthaelt — um das Risiko einer Unterzuckerung der Huendin und der Welpensterblichkeit zu senken. Fehlt Kohlenhydrat oder liegt es sehr niedrig, sei der Proteinbedarf deutlich hoeher und koenne sich verdoppeln. Wer eine Huendin belegen laesst und roh fuettert, gehoert deshalb in fachkundige Begleitung durch Tierarztpraxis oder Ernaehrungsberatung — das ist keine Faustregel-Situation.
Roh oder gekocht — wie fuettere ich Kohlenhydrate richtig?
Gekocht. Das ist die eine Stelle, an der beim Barfen bewusst vom Rohprinzip abgewichen wird. Durch Erhitzen verkleistert die Staerke, und erst dann kommen die Verdauungsenzyme gut an sie heran; roh bleibt ein groesserer Teil als resistente Staerke unverdaut und landet im Dickdarm. Bei Knollen und Huelsenfruechten kommt hinzu, dass Hitze antinutritive Inhaltsstoffe unschaedlich macht. Bei Kartoffeln ist es sogar eine Sicherheitsfrage: Rohe, gruene oder keimende Kartoffeln enthalten Solanin und gehoeren nicht in den Napf. Gekochte Kartoffel ohne gruene Stellen ist dagegen unproblematisch.
Macht getreidefreies Futter das Hundeherz krank?
Der Verdacht stammt aus einer Untersuchung der US-Arzneimittelbehoerde FDA, die 2018 begann. Es ging dabei um Berichte ueber die Herzmuskelerkrankung DCM bei Hunden, die industrielles Futter mit hohem Anteil an Erbsen, Linsen, anderen Huelsenfruchtsamen und Kartoffeln bekamen. Im Dezember 2022 stellte die FDA ihre oeffentlichen Updates ein, weil sich aus den Meldedaten keine Kausalitaet ableiten liess. Ehrlich gesagt bedeutet das beides nicht: Es ist weder bewiesen, dass getreidefrei dem Herzen schadet, noch ist es als unbedenklich erwiesen — die Frage ist offen geblieben. Fuer Rohfuetterer ist sie ohnehin nur begrenzt einschlaegig, weil es um huelsenfruchtlastige Trockenfutter ging, nicht um Fleischrationen.